Orgelkonzert zur Passionszeit

Konzert 22.3.15 Karte_109x152
Nicolaus Bruhns (1665-1697):
Präludium in e-Moll

Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847):
Sonate A-Dur op. 65 Nr. 3

Julius Reubke (1834-1858):
Sonate c-Moll „Der 94. Psalm“

Nicolaus Bruhns soll der Lieblingsschüler des großen Dieterich Buxtehude gewesen sein. Er beherrschte virtuos nicht nur die Orgel, sondern auch die Violine, und zwar in einem Maße, dass er, wie berichtet wird, schwierige, bis zu vierstimmige Partien auf der Geige ausführen, dazu ebenso schwierige Solostimmen singen und beides mit dem Orgelpedal begleiten konnte. Nachdem er kurzzeitig in Kopenhagen tätig war, fand er seine Lebensstellung an der Husumer Stadtkirche, wo „vorher seinesgleichen von Kompositionen und Traktierung allerlei Arten von Instrumenten […] nicht war gehöret worden“. Im Alter von nur 31 Jahren starb er hochgeachtet an Schwindsucht. Das sogenannte „große“ Präludium in e-Moll ist Bruhns‘ bedeutendstes Orgelwerk. Es spiegelt seinen enormen Einfallsreichtum, seine sprühende Energie – es ist ein herausragendes Werk des dramatischen, frappierenden Stylus Phantasticus, es gleicht einem „magischen Theater, in dem jeden Augenblick neue Personen auftreten, sich über die Bühne bewegen und wieder verschwinden“.

Felix_Mendessohn_BartholdyDer zentrale Teil der Sonate A-Dur für Orgel von Felix Mendelssohn Bartholdy ist eine Doppelfuge von enormer kontrapunktischer Dichte. Das erste Fugenthema mit seinen übermäßigen Schritten symbolisiert – nach der barocken Figurenlehre – einen „schmachtenden Schrei aus der Tiefe. Es ist also eine innere Vorwegnahme des Chorals „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“, der dann als fünfte Stimme, im Pedal gespielt, der sich immer weiter beschleunigenden Fuge unterlegt wird. Die ganze Dramatik dieser Steigerungsfuge löst sich denn in einem strahlenden A-Dur Maestoso voller Zuversicht auf – ein grandioses Beispiel der romantischen Idee des ,per aspera ad astra‘, nur dass Mendelssohn die Sonate schon mit eben jenem strahlenden Maestoso begonnen hatte, so dass die Zuversicht nicht nur Ziel-, sondern auch Ausgangspunkt dieser musikalischen Predigt ist.

ReubkeAm 17.6.1857 spielte der eben erst 23jährige Julius Reubke die Uraufführung seiner Orgelsonate „Der 94. Psalm“ in c-Moll an der damals neuen, 1855 fertiggestellten, gewaltigen Ladegast-Orgel des Merseburger Domes. Zu dieser Zeit ist Reubke, nachdem er zuvor in Berlin studiert hatte, Schüler von Franz Liszt in Weimar, dessen bahnbrechendes Präludium und Fuge über BACH ein gutes Jahr zuvor, am 13.5.1856, ebenfalls an der Merseburger Domorgel anlässlich der Einweihung des Instrumentes zum ersten Mal erklungen war. Zwischen Dezember 1856 und März 1857 hatte Reubke zunächst eine Große Sonate für Pianoforte in b-Moll im Geiste seines Lehrmeisters komponiert, im Mai 1857 dann die Komposition der Orgelsonate vollendet. Liszts Werke – die Klaviersonate h-Moll, die symphonischen Dichtungen dieser Zeit und die Orgelkompositionen –, die Tonsprache Richard Wagners, der in Liszts Goldenem Zirkel bewundert wird, und Schuberts Fantasie C-Dur „Der Wanderer“ op.15 waren die Inspirationsquellen des jungen Reubke für seine eigenen großen Entwürfe. Als Sohn des Orgelbauers Adolf Reubke – Erbauer der Orgeln der Jacobikirche (III/53) und des Domes (IV/81) in Magdeburg – war er bestens mit der Klangwelt der Orgel vertraut. So ist es zu verstehen, dass seine Sonate nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die spezifische Behandlung des Instrumentes, die herausragende Orgelkomposition der neudeutschen Schule – neben den Werken Liszts – darstellt. Sie ist im Sinne einer symphonischen Dichtung konsequent monothematisch gearbeitet. Der sich wandelnde Charakter des Materials orientiert sich an den ausgewählten Versen des Psalms – der ohnmächtig dem Unrecht ausgesetzte Mensch bittet Gott, dem er letztlich zuversichtlich vertraut, um Rache –, die den ineinander übergehenden Teilen der Sonate als Programm zugeordnet sind. Die Sonate beginnt mit einer dunklen, das Thema vorstellenden Einleitung. Dem charakteristischen Themenkopf folgt eine – sich im gesamten ersten und zweiten Teil immer wieder findende – über zwei Takte depressiv absteigenden Linie, ähnlich der des Beginns der h-Moll-Klaviersonate von Liszt. In der Fuge dagegen, dem Schlußteil der Sonate, folgt auf den punktierten, nun von zwei auf drei Takte erweiterten Themenkopf, eine aufsteigende Linie – die Gewissheit über das helfende Eingreifen Gottes. Der sechste und siebte Takt des Fugenthemas sind dem zweiten Gedanken (Takt 9-11) wiederum der Liszt’schen h-Moll-Sonate stark verwandt. Der erste Teil der Sonate kann als Sonatenhauptsatz verstanden werden. Das Larghetto (Takt 53) stellt den zweiten Gedanken dar, das Thema ist in weibliches verwandelt. Ein Durchführungsteil beginnt mit dem Allegro con fuoco (Takt 108), eingeleitet durch eine Steigerung (verminderte Akkorde über einem Orgelpunkt). Die Reprise beginnt mit dem Wiedereintritt des fff (Takt 181). Jetzt hat auch der sich unmittelbar anschließende zweite Gedanke seine Zartheit, seinen flehenden Charakter, verloren. Er wird ebenfalls im vollen Werk, mit Staccato-Akkorden unterlegt, vorgetragen. Im Mittelsatz, dem Adagio, erscheint nach dem – nun im schlichten, akkordischen Satz stehenden – Thema ein solistisch (Oboe oder Geigenprinzipal) vorgetragener, neuer Gedanke (Takt 243 und 254), der dem Choral Straf mich nicht in deinem Zorn, großer Gott, verschone abgewonnen ist. Insgesamt ist das Adagio formal wenig gefestigt, mehr eine Reihung, die über den Tiefpunkt des Stückes, eine leere Quinte über d (Takt 276), zu einer Wiederkehr der einleitenden Themenvorstellung der Sonate führt. Im Schlussteil folgt auf die Exposition der Fuge ein stark modulierender Durchführungsteil, der in eine Kadenz mündet. Die Fuge kehrt – quasi stretta – zurück und endet über virtuosen Pedalbrechungen. Die Tonsprache des 23jährige Reubke ist ganz offensichtlich – manchmal bis ins Detail gehend – von entsprechenden Vorbildwerken Liszts beeinflusst. In der konsequenten monothematischen Durchdringung und klaren formalen Gestaltung der Ecksätze geht er aber eigene, über Liszt hinausweisende, Wege; er stieg zu neuen Zielen / auf steilen Pfaden hinan formuliert es Peter Cornelius in seinem Gedicht Beim Tode von Julius Reubke.

Kantor Michael Veltman spielt dieses facettenreiche Programm an der großen Rieger-Orgel der Pfarrkirche St. Hippolytus, Troisdorf.