Messe B-Dur op. 1 von Michael Hermesdorff

hermesdorff Im Rahmen der Weihnachtsgottesdienste 2010 wurde von den Kirchenchören St. Gregorius, Spich und St. Cäcilia, Oberlar die Messe B-Dur op. 1 von Michael Hermesdorff – von einer Aufführung anläßlich Hermesdorffs 125. Todestages kurz zuvor im Trierer Dom, seiner vormaligen Wirkungsstätte – erstmalig nach dessen Tod im Jahre 1885 wieder aufgeführt.

Einen Choralwissenschaftler von Weltruf hat man ihn genannt. Man hielt ihn für denjenigen, der die aufblühende Choralforschung in Deutschland am weitesten vorangebracht hat – dennoch ist der Name Michael Hermesdorff nicht nur in seiner Heimatstadt Trier verklungen. Seine wegweisenden Forschungen, die seinerzeit die Liturgie seines Bistums und später die der ganzen katholischen Welt beeinflussen sollten, waren nahezu vergessen.

Bereits 1857, noch während seiner Studienzeit und unmittelbar nach Erhalt der niederen Weihen wurde er von dem damaligen Trierer Bischof Wilhelm Arnoldi aufgrund seiner offensichtlich schon zu diesem Zeitpunkt großen Reputation als Choralkenner offiziell mit der Erforschung der uralten Codices beauftragt, die sich in Trier erhalten hatten.

Nach seiner Priesterweihe wurde Hermesdorff von Bischof Arnoldi als Kaplan nach Cues und Bernkastel beordert, um auch dort die in der Bibliothek des Cusanus-Stiftes vorhandenen, wertvollen Choralhandschriften zu studieren. Auf Grundlage dieser Dokumente sowie der von ihm bereits in Trier gesichteten Handschriften des Trierer Domschatzes und der dortigen Stadtbibliothek gab er 1863 – Hermesdorff hatte mittlerweile die Nachfolge des kränklichen Domorganisten Polch, den er schon während seiner Studienzeit oft vertreten hatte, angetreten – das Graduale juxta usum Ecclesia Cathedralis Trevirensis und wenig später die Präfationen, ein Antiphonale sowie ein Kyriale heraus. Hierauf Basierend schloss sich die Edition der sechsbändigen Harmonia cantus choralis an, in der die gregorianischen Gesänge für den Vortrag durch Vorsänger und Orgel bzw. vierstimmigen Chor (!) bearbeitet sind.

Um bezüglich der Erforschung der überlieferten gregorianischen Choralgesänge möglichst viele Gelehrte zusammenzuführen, die ihrerseits die ihnen jeweils zugänglichen Choralhandschriften kopieren und so vergleichende Studien derselben ermöglichen sollten, rief er zur Gründung eines “Vereins zur Erforschung alter Choralhandschriften behufs Wiederherstellung des gregorianischen Chorals” auf. Diesem Verein traten in der Folge der Trierer Choralgelehrte Peter Bohn, der bedeutende Eichstädter Musikwissenschaftler Raymund Schlecht, der Begründer der Gesellschaft für Musikforschung, Robert Eitner, Abbé Jules Bonhomme, der Hofkapellmeister und Direktor des Brüsseler Conservatoires, François-Auguste Gevaert, P. Anselm Schubiger, aber auch Jacques-Nicolas Lemmens, einer der berühmtesten Orgelvirtuosen seiner Zeit und Gründer einer der bedeutendsten Kirchenmusikschulen, des Lemmensinstituts in Lüttich, ja sogar Dom Joseph Pothier aus dem französischen Kloster Saint-Pierre de Solesmes und viele weitere namhafte Musikwissenschaftler, Gelehrte und geistliche Würdenträger bei, so dass bald nahezu alle namhaften für die Wiederherstellung der gregorianischen Choralsingweisen tätigen Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts mit einigen der prominentesten Instrumentalisten und Musikwissenschaftlern der Zeit in diesem Verein versammelt waren. Den Vorsitz übernahm bis zu seinem Tode im Januar 1885 Michael Hermesdorff, nach seinem Tod ging der Vorsitz auf einen seiner engsten Mitarbeiter, den vormaligen Kassierer des Vereins, Peter Bohn, über.

Die schon 1862 von Heinrich Oberhoffer in Luxemburg gegründete Zeitschrift “Cäcilia”, deren Schriftleitung als Organ des trierischen Diözesan-Cäcilienvereines Hermesdorff zu Beginn des Jahres 1871 übernommen hatte, wurde zum Sprachrohr des Vereines, die ihr beigefügten, faksimilierten “Choralbeilagen für die Mitglieder des Choralvereins” dienten zur Veröffentlichung und Diskussion des von den Vereinsmitgliedern eingesandten Vergleichsmaterials wie auch der Behandlung choralwissenschaftlicher Fragen, wodurch die Zeitschrift zum europaweit führenden Organ für die Choralforschung avancierte. Die “Cäcilia” gab er bis 1878, als er das Blatt nach langen Versuchen zur Erhaltung desselben wegen großer finanzieller Schwierigkeiten aufgeben musste, heraus, sein Einfluss erstreckte sich nun über ganz Deutschland, den europäischen Kontinent und bis nach Amerika.

Bereits bei der Erforschung der trierischen Choralhandschriften hatte Hermesdorff erkannt, dass der sogenannte “trierische Choral” keineswegs nur eine spezielle, diözesaneigene Singweise darstellte, sondern dass in diesem vielmehr die ursprüngliche, authentische Singweise des gregorianischen Repertoires in nahezu unverfälschter Weise tradiert worden war. Dieser hatte sich zu seiner Entstehungszeit in dieser Form für das gesamte gregorianische Repertoire in ganz Europa ohne nennenswerte Abweichungen entsprochen, so dass folgerichtig auch sämtliche Codices des frühen Mittelalters, die Hermesdorff nun durch die Mitglieder des Choralvereines aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands, Luxemburgs, Frankreichs, Belgiens, der Niederlande und der Schweiz zugänglich wurden, in auffallender Weise übereinstimmen mussten. Diese Erkenntnis und Hermesdorffs darauf gründende weitere Bemühungen um die Pflege und Edition der authentischen Trierer Choralmelodien sollten in der Folge den sog. “Trierer Choralstreit” auslösen, der später anlässlich der Regensburger Ausgabe von 1873 in einen ganz Europa umfassenden Konflikt um die korrekten Singweisen und die Edition des Gregorianischen Chorals im Allgemeinen einmündete und in dem Hermesdorff, sich auf die durch seine Forschungen gewonnenen Erkenntnisse stützend, maßgeblich und vehement gegen die vom Regensburger Verlagshaus Pustet mit päpstlicher Approbation als für die katholische Kirche verbindliche Fassung des gregorianischen Chorals herausgegebene Neo-Medicaea eintrat.

Als Ergebnis der Forschungsarbeiten des Choralvereines und auch als musikwissenschaftliches Hauptwerk Hermesdorffs legte er schließlich ab 1876 das “Graduale ad normam cantus s. Gregorii” vor, das allerdings nach der 11. Lieferung aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nicht fortgesetzt wurde. Dennoch wird auch das unvollendete Werk – insbesondere durch die über die Quadratnotation beigefügten Neumenzeichen, für die Hermesdorff erstmals ein Drucksystem entwickelt hatte, dessen “Prototypen” er für den Guss eigenhändig hergestellt hatte – mit Recht als Vorläufer des Graduel neumé Eugène Cardines angesehen und stellt für die damalige Zeit zweifellos eine mehr als nur beachtenswerte wissenschaftliche Leistung dar. Hermesdorff hat hiermit zu einer Zeit, da sich die Choralforschung noch in ihren bescheidensten Anfängen befand, durch die Edition der gregorianischen Gesänge nach Lesarten alter Handschriften für die Erneuerung des gregorianischen Choralgesanges wesentlich beigetragen.

Obwohl Hermesdorff glaubte, die Verantwortlichen der Diözese von der authentischen Fassung des gregorianischen Chorals überzeugt zu haben, erlitt die von ihm verfolgte Wiedereinführung der trierischen Choralsingweisen schon kurz nach seinem Tod einen empfindlichen Rückschlag, als sein Lebenswerk bereits ein Jahr nach seinem Tod unter seinem Nachfolger Philipp Jakob Lenz, der unter dem Einfluss der Regensburger Reformer um Lenz’ Lehrer Franz Xaver Haberl stand, zugunsten der Regensburger Medicaea-Ausgabe wieder aufgegeben wurde. Dieser bedauerliche Rückschlag sollte allerdings 15 Jahre später endgültig von der gesamtkirchlichen Entwicklung durch die Edition der Editio Vaticana durch die Mönche von Solesmes und deren verbindliche Einführung überholt werden.

Anläßlich des 125. Todestages Hermesdorffs initiierte unser Seelsorgebereichsmusiker Marcus Dahm eine vielbeachtete Ausstellung über Leben und Werk des bedeutenden Kirchenmusikers in der Trierer Dominformation. Verschiedene Werke Hermesdorffs wie z. B. seine bisher verschollene, seinerzeit vielgerühmte Messe in B-Dur op. 1, die von Marcus Dahm zu diesem Anlaß neu herausgegeben worden waren, kamen nach über 100 Jahren erstmals wieder im Trierer Dom zur Aufführung. Die Neuausgabe des gesamten kompositorischen Schaffens des Trierer Komponisten, die die Partituren seiner Messen, Motetten, Liedsätze und Orgelwerke umfasst, ist im Verlag des Trierer Musikhauses Kessler in einer attraktiven Neuedition erschienen.

Ein ehrendes Andenken bewahren wir auch Michael Hermesdorffs letztem Verwandten, der meine Forschungen und zuletzt die Ausstellung in der Dominformation Trier mit unermüdlichem Interesse verfolgt und stets unterstützt hat. Ohne seine jahrzehntelangen Anstrengungen, mit denen er das Wirken Michael Hermesdorffs vor dem Vergessen bewahren wollte, wäre all dies nicht möglich gewesen. Leider erlaubte seine Gesundheit es ihm nicht, bei anderen Veranstaltungen als der Eröffnung anwesend zu sein. Sich über die zahlreichen mittlerweile erschienenen Presseartikel, Veröffentlichungen, Präsentationen und Aufnahmen noch mit ihm auszutauschen, machte sein Tod nun leider unmöglich. Seine tiefe Freude darüber, daß diese Ausstellung nun endlich stattfinden konnte, bleibt mir der größte Dank. Seine innere Zuversicht und das Strahlen, das von ihm ausging, hat mich tief beeindruckt.

Denn durch sein eigenes Sterben hat Jesus die Macht des Todes gebrochen, und jeder, der glaubt, hat teil an dieser Wirklichkeit. Jesus öffnet allen den Weg, den er selbst gegangen ist!

Am Sonntag, dem 20. Februar, rief der Herr nach langer Krankheit unseren lieben Pater Benedikt (Elmar) Hermesdorff OSB im Alter von 87 Jahren zu sich, um mit ihm in der ewigen Herrlichkeit das Halleluja anzustimmen.

Pater Benedikt wurde am 16. August 1923 als Sohn des Bankbeamten Theodor Hermesdorff und seiner Ehefrau Elisabeth in Koblenz geboren. Seine Jugend war geprägt von der familiären Harmonie und durch die Teilnahme am kulturellen Leben. Das Abitur legte er am Augusta-Gymnasium in seiner Heimatstadt ab.

Nachdem er ein Semester Medizin in Bonn studiert hatte, wurde er 1943 zum Militär eingezogen, wo er drei Jahre seines Lebens verbrachte. Insbesondere in dieser Zeit war bei ihm der Wunsch gereift, Benediktiner zu werden. Er besuchte die Abtei Maria Laach, wo er das benediktinische Leben kennenlernte. Am 16. Dezember 1946, dem Sonntag Gaudete, begann er dann sein Noviziat in der Abtei St. Matthias in Trier.

1949 kam er dann unter der Leitung von Abt Dr. Petrus Borne mit einigen Mönchen aus St. Matthias nach Tholey, um unsere durch den Krieg schwer gezeichnete Abtei wieder zu errichten. Am 24. Mai 1950 legte er seine Feierliche Profess ab und wurde ein Jahr später durch Weihbischof Dr. Bernhard Stein zum Priester geweiht. Das Leben von Pater Benedikt war geprägt vom Pflichtbewusstsein in der klösterlichen Gemeinschaft und von seiner großen Liebe zu Gott, unserem Vater. Er war langjähriger, geschätzter Pfarrer von Tholey und leitete das Bildungszentrum auf dem Schaumberg. Sein besonderes Interesse galt seinen akribischen historischen Forschungen, bei denen er vielfach interessante Zusammenhänge aufdeckte. In diesem Jahr hätte er sein 60. Priesterjubiläum gefeiert.

Quelle: www.abtei-tholey.de

Herr, gib ihm die ewige Ruhe !

Marcus Dahm